Erinnerungen aus meinem Leben

In stiller Anteilnahme geben wir bekannt, dass Herr Karl Josef Schmid am 22.Juli 2014 von uns gegangen ist.

 


 

 

 

von Karl Josef Schmid

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Karl Schmid
 

Am 23. Mai 1919, ein Jahr nach dem ersten Weltkrieg, wurde ich als jüngstes von vier Kindern im Sudetenland geboren. Das Sudetenland, heute Tschechien, gehörte bis 1918 zu Österreich-Ungarn und von 1938-1945 zu Deutschland.

Als im Sudetenland im Jahr 1924 tschechisch als Amtssprache eingeführt wurde, wurde mein Vater, der Polizist im Staatsdienst war, in Pension geschickt – was jedoch nicht bedeutete, dass es eine entsprechende finanzielle Versorgung gegeben hätte.

Das wenige Geld, das meine Eltern gespart hatten, musste dann erzwungener weise in Kriegsanleihen gezeichnet werden und war damit verloren. Mein geliebter Vater starb bereits 1935, die Mutter starb 1969 in der Nähe von München.

Nach dem Tod des Vaters waren es schwere Zeiten auch für unsere Familie. Da mein Schulbesuch in Maria Schein nicht mehr bezahlt werden konnte, machte ich eine Lehre im Lebensmittel Groß- und Einzelhandel; ich arbeitete viel und hart, aber gerne.

Mit dem 2. Dezember 1939 kam der große Umbruch in das Land: Hitler kam ins Sudetenland und bald schon wurde auch ich zur Wehrmacht eingezogen, wo ich der Nachrichtenstaffel als Funker im Fernsprechdienst zugeteilt wurde.

Diese Kriegsjahre waren auch für mich prägend für das ganze weitere Leben; wer dies nicht hat erleben müssen, kann sich keine Vorstellung von dem machen, was diese Zeit den Menschen abverlangt hat.

Mein erster Einsatz führte mich ins Saargebiet, über die Vogesen und dann nach Polen bis kurz vor Warschau. Danach waren wir in Polen stationiert und wurden dann an die russische Grenze versetzt.

Schon beim Übersetzen wurde unser Schlauchboot beschossen, das mit all unseren Sachen, einschließlich dem Nachrichtengerät versank. Nur mit viel Glück gelang es uns, unverletzt an Land zu kommen. Wir gelangten in ein Moorgebiet mit zahllosen Mücken, da halfen auch Moskitonetze nichts.

Im Oktober 1941 ging es zu Fuß täglich etwa 60km bis zum Kessel von Wjasma. Nach dem dortigen Kampf sollte es einen schnellen Vormarsch auf die sowjetische Hauptstadt geben, aber es regnete ununterbrochen, die Straßen waren nur noch eine einzige Matschgrube und wir kamen nicht mehr vorwärts. Plötzlich kam der Wintereinbruch mit einem Dauerfrost von zeitweise bis zu 54° Kälte.

Über Funk hörte ich als Erster, dass wir von den Russen eingeschlossen waren. Im Dezember 1941 traten die Amerikaner in den Krieg ein und setzten den Feldzug im Osten unter erheblichen Zeitdruck. Wir konnten mit unseren erschöpften Soldaten und der fehlenden Ausrüstung nicht mithalten und so scheiterte ein blitzkriegartiger Überfall auf Moskau. Die Russen gingen in die Gegenoffensive, es folgten Angriffe mit der Infanterie und mit Flugzeugen. Nur mit sehr viel Glück überlebten einige diese Angriffe.

Wegen einer schweren Erkrankung musste ich nach Breslau ins Krankenrevier; als ich dann wieder „Garnisons-verwendungsfähig“ geschrieben wurde, kam ich nach Talmont und Les Sables-d`Olonne. Dorthin kam auch viele junge Männer aus unserer Heimat, die so jung unerfahren oft sehr schnell ihr Leben verloren. Mein Gehör für die Geschosseinschläge war mittlerweile dermaßen geschult, dass ich schon am Klang erkennen konnte, wo die Geschosse der Russen ungefähr einschlagen würden, aber die Kämpfe in Russland waren kein Vergleich zu dem, was dann passierte, nachdem der Amerikaner in der Normandie gelandet ist.

1944 geriet auch in Gefangenschaft; wir waren alle am Ende unserer Kräfte und durch die vielen schlechten Nachrichten aus Deutschland auch entmutigt. Mit 3000 Leuten wurden wir in einer Halle eingepfercht. Zum Schlafen hatten wir einen Pappendeckel, den wir ständig bei uns tragen mussten, sonst wäre er weg gewesen. Einmal täglich gab es eine Suppe und wenn man diese Zeit versäumte, gab es erst wieder etwas am nächsten Tag.

Da die Versorgung den Franzosen zu mühsam wurde, planten sie, das Gefangenenlager mit uns allen in die Luft zu sprengen.

Als der Amerikaner davon Wind bekam, holte er uns über Nacht heraus und brachte uns in ein anderes Lager in Cherburg. Dann wurden wir per Schiff nach England verfrachtet. In Southampton übernahmen dann Österreicher und Polen die Bewachung. Da wir englische Kleidung trugen, wurde uns hinten am Rücken ein Quadrat ausgeschnitten, um uns als Gefangene kenntlich zu machen.

Außer unserer Erkennungsmarke, mit der wir auch essen mussten, hatten wir nichts Persönliches mehr bei uns.

Über Schottland kamen wir dann nach Belfast in Nordirland. Dort lagen wir in Wellblechbaracken, in denen nach dem 14. April nicht mehr geheizt werden durfte; als wir aufgrund der großen Kälte dennoch ein Feuer machten, wurde ich als Dienstältester dort zur Strafe für zwei Tage ohne Essen in eine andere Baracke gesperrt.

Im Frühjahr ging es dann nach Südengland, von wo aus ich dann entlassen wurde.

Über viele Umwege fand ich wieder Kontakt zu Angehörigen und Freuden von daheim. So begegnete ich auch meiner späteren Frau. Einige Jahre später konnten wir nach München übersiedeln und mit unserem Sohn Thomas war unser Glück vollkommen.

 

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